Aus einer Laune entstanden, heute fest in Miltenberg verwurzelt.
Ein genaues Gründungsdatum in den Akten sucht man vergeblich – und doch schlug die Geburtsstunde einer engagierten Gemeinschaft in Miltenberg Ende der 1980er Jahre. Was als loser, aber treuer Freundeskreis im „Bistro im alten Bahnhof“ begann, ist heute eine feste Säule des regionalen Ehrenamts. Die Geschichte der Lechnerfreunde zeigt eindrucksvoll, wie aus jugendlicher Geselligkeit echter, tiefgreifender Altruismus wachsen kann.
Alles begann in der Mainzer Straße: Dort, im Bistro im alten Bahnhof, fand sich regelmäßig eine große Truppe junger Männer zusammen. Ein fixer Pflichttermin kristallisierte sich schnell heraus – das Treffen am ersten Freitag im Monat. Doch wie kamen die „Lechnerfreunde“ eigentlich zu ihrem kuriosen Namen?
Des Rätsels Lösung liegt in einer charmanten Anekdote aus den Gründerjahren. Ein Mitglied der Clique, liebevoll „Franzl Lechner“ genannt, glänzte des Öfteren durch Abwesenheit, weil er den Abend lieber mit seiner Freundin verbrachte. Wenn fortan ein anderer Kumpel mal absagen musste, hieß es sofort scherzhaft: „Du bist ja wie der Lechner, du machst lieber was mit deiner Freundin und lässt deine Jungs im Stich!“ Da im Laufe der Zeit immer mehr Gruppenmitglieder in feste Hände kamen, war der Name schließlich schnell gefunden: Man taufte sich kurzerhand „Die Lechnerfreunde“.
Um das Ganze trotz Partnerschaften strukturiert am Leben zu halten, wurde fortan zu Beginn eines jeden Jahres der „Lechnerplan“ erstellt. Das Prinzip war einfach, aber effektiv: Jedes Mitglied übernahm reihum die Planung für einen der fixen Termine am ersten Freitag im Monat. Die Bandbreite reichte von gemeinsamen Wanderungen über Betriebsbesichtigungen und zünftige Grillabende bis hin zum klassischen, gemütlichen Beisammensein. Der feste Rhythmus schweißte die Gruppe zusammen.
Schon in den Anfängen – genau genommen bereits in den Jahren 1986 und 1987 – zog es die Gruppe vor die Kneipentüren. Unter dem provokanten Namen „Terror an der Mud“ organisierten sie an der Bergmühle an der Mud in Miltenberg erste größere Freiluft-Veranstaltungen. Diese Partys unter freiem Himmel entwickelten sich rasch zu einem echten Publikumsmagneten und regionalen Erfolg.
Beflügelt von dieser Resonanz setzten die beiden Ideengeber und Hauptorganisatoren Thomas Mohr und Dr. Peter Häfner im Jahr 1990 noch einen drauf: Sie riefen das erste „GET UPPA“ ins Leben. Als Location diente der Steinbruch in Großheubach auf dem MSC-Gelände. Das Event schlug ein wie eine Bombe und wurde schon im Premierenjahr mit über 3.000 Besuchern zu einem Mega-Erfolg.
Insgesamt fünfmal in Folge brachten die Lechnerfreunde das Festival auf die Beine. Der Clou: Das Feiern war nie Selbstzweck. Über 100.000 DM an Erlösen konnten in diesen fünf Jahren für den guten Zweck gesammelt werden. Denn das oberste Credo der Gruppe lautete von Tag eins an: Alle Erlöse kommen ausnahmslos sozialen Zwecken zugute.
Im Jahr 1988 organisierten die Lechner eine neue Veranstaltung unter dem Namen „gönn dir was“ im nahegelegenen Freudenberg. Obwohl die Party gut besucht war, konnte sie an den gigantischen Erfolg von „GET UPPA“ nicht heranreichen.
Ebenfalls in den von Aufbruchstimmung geprägten 1990er Jahren bewiesen die Freunde, dass sie auch in schweren Zeiten nicht wegschauen, sondern entschlossen handeln. Angesichts des ausbrechenden, verheerenden Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien organisierten sie mit zwei außenstehenden Freunden unter dem Banner „Rock & Help“ zwei Benefizkonzerte in den Jahren 1994 und 1997.
Die Erlöse wurden aufgeteilt, um dort zu helfen, wo die Not am größten war. Ein Teil floss direkt an hiesige Kindergärten sowie an die Unterstützung aidskranker Kinder. Der emotionale und logistische Höhepunkt der Aktion war jedoch ein anderer: Bestürzt von den Berichten über die mangelhafte Versorgung von Minderjährigen im Kriegsgebiet, kauften die Lechnerfreunde von den Konzerterlösen dringend benötigte Medikamente für Kinder in Jugoslawien.
Um absolut sicherzugehen, dass die wertvolle Fracht nicht auf dunklen Kanälen oder in den Händen von Kriegsparteien verschwand, überließen die Freunde nichts dem Zufall. Einer der Hauptveranstalter nahm das Risiko auf sich und fuhr persönlich mit den Medikamenten im Gepäck direkt in das krisengeschüttelte Kriegsgebiet. Vor Ort übergab er die Spenden direkt an die Helfer und Betroffenen – ein Akt persönlicher Zivilcourage, der die tiefe humanitäre DNA der Truppe bis heute prägt.
Nach Jahrzehnten des erfolgreichen, aber informellen Engagements folgte im Jahr 2018 der nächste logische Meilenstein: Aus der eingeschworenen Gemeinschaft wurde offiziell ein eingetragener Verein – die Lechnerfreunde e. V. Als erster offizieller Vereinszweck wurde die Unterstützung sozial benachteiligter und behinderter Menschen in der Satzung verankert.
Das feierte der frischgebackene Verein direkt mit einem Paukenschlag: Unter dem Namen „Lechnerwiese“ organisierten sie ein spektakuläres Mega-Fest in den Miltenberger Mainanlagen. Der Lohn der harten Arbeit: Über 11.000 Euro Reinerlös konnten im Nachgang an hilfsbedürftige Menschen ausgezahlt werden. Seit 2022 hat der Verein zudem ein neues, festes Standbein im städtischen Festkalender gefunden und begeistert die Besucher des Miltenberger MainFest jährlich mit dem stimmungsvollen „Lechner-Beach“.
Weil die Verbundenheit zur eigenen Region über die Jahrzehnte immer tiefer wurde, beschlossen die Mitglieder im Jahr 2019 eine Erweiterung des Vereinszwecks: Die „Förderung der Heimatpflege“ wurde offiziell als zweites großes Ziel in die Satzung aufgenommen. Dass sie auch hier keine halben Sachen machen, bewiesen sie im selben Jahr. Die Lechnerfreunde fassten den Entschluss, ihrer geliebten Heimatstadt Miltenberg ein bleibendes Geschenk zu machen, und bauten eine öffentliche Schutzhütte am Bismarckturm.
Von den elf jungen Männern aus dem Bahnhofsbistro ist die Gemeinschaft bis heute auf stolze 30 Lechnerfreunde angewachsen. Eines hat sich jedoch in fast vier Jahrzehnten trotz Vereinsregister, Großveranstaltungen und Satzungsänderungen nie verändert: Noch immer kommen die Männer wie eh und je an jedem ersten Freitag im Monat zu ihren traditionellen Lechnerabenden zusammen. Ein lebendiger Beweis dafür, dass echte Freundschaft und die Liebe zur Heimat Berge versetzen können.